Lohnpolitik im Schatten der Eurokrise – Eine große Herausforderung für die Gewerkschaften / Teil 1

Eurokrise meistern mit einer europäisch abgestimmten Lohnpolitik

von Marty Ludischbo Was haben die nächsten Tarifrunden mit der Eurokrise zu tun? Sehr viel. Denn die unterschiedlichen Lohnentwicklungen/Lohnstückkosten ist eines der Hauptgründe für die sog. „Eurokrise“. Die Gewerkschaften in Deutschland haben nun eine große Verantwortung zu tragen. Sie müssen für die abhängig Beschäftigten die Verteilungsspielräume konsequent nutzen. Sie haben nicht die Wahl zwischen zurückhaltende, an sog. wirtschaftlicher Vernunft orientierter Lohnpolitik oder expansiver Lohnpolitik, sondern die Wahl zwischen Offensive Lohnpolitik und Auseinanderbrechen der Eurozone. Schwierig, solche komplexen Zusammenhänge auch ihren Mitgliedern zu vermitteln.

Die IG Metall machte für die Stahlbranche den ersten Schritt. Mit ca. 3,8% haben sie in NRW und im Saarland abgeschlossen. Ob in der Stahlbranche damit die verteilungsneutralen Spielräume optimal genutzt wurden, kann ich jetzt nicht abschließend beurteilen, weil ja noch nicht alle Zahlen vorliegen. Fakt ist, dass nach der zu erwartenden Preiseinentwicklung ein minimale reale Kaufkrafterhöhung zu erwarten ist.

Aber was hat das alles mit der Eurokrise zu tun?
Sehr viel, wenn nicht so ganz viel.
Die deutsche Volkswirtschaft hat sich mit niedrigen Lohnstückkosten gegenüber ihren Handelspartnern wettbewerbsfähiger gemacht. Dadurch konnte sie in den letzten 10 Jahren gigantische Handelsbilanzüberschüsse erzielen. D. h. unsere Volkswirtschaft hat mehr produziert, als das wir selber zum Leben verbraucht haben. Oder anders formuliert, dadurch konnten mehr Waren und Dienstleistungen verkauft werden, als wir gekauft haben. In den sog. Schuldenländern in Europa war es genau umgekehrt. Die Lohnstückkosten stiegen und diese Volkswirtschaften haben, quasi über Schulden, mehr gekauft als verkauft. (Notiz zum Absatz)

Heiner Flassbeck und andere Ökonomen haben schon seit mehreren Jahren die wirtschaftlichen Ungleichgewichte als heftiges Problem beschrieben. Auch wenn das manager-magazin im Februar 2010 mal ausnahmsweise drauf hinwies, betrachten viele Wirtschaftsjournalisten die Ungleichgewichtskrise als Randproblem.

Deshalb noch mal zur Klarheit. Die knallenden Umsätze und Gewinne, gerade in der Exportindustrie, wurden unterm Strich mit Nachfrage (aus Schulden) aus dem Ausland finanziert. Warum? Weil die Defizitländer gegnüber den Überschussländern ein Wettbewerbsproblem haben. Wer mehr kauft als verkauft, macht mehr Schulden. Und was bringt es denjenigen, die immer mehr „über Bedarf“ produzieren und deren Käufer die Überproduktionen mit Schulden bezahlen, die sie irgendwann nicht mehr zurückzahlen können? Wenn wir mal genau darüber nachdenken, merken wir, dass da etwas aus dem Ruder läüft. Dazu müssen wir nicht mal viel von Ökonomie verstehen.

Dieses Dilemma gilt es umzukehren. Ich hatte mit Beginn der Griechenlandbombadierung durch die Finanzwirtschaft (heute über 20% Zinsen für Staatsanleihen) über eine koordinierte veränderte Lohnpolitik in Europa nachgedacht.

Und zwar müssen die Lohnabschlüsse im Euroraum im Verhältnis verändert werden. Im Prinzip müssen wir in Deutschland effektive höhere Reallohnsteigerungen erzielen, als in den Defizitländern (z.B Italien, Spanien, Portugal usw) im Euroraum. D.h nicht, dass die Defizitländer Reallohnverluste hinnehmen müssen. Nein. In den Überschussländern (Deutschland, Niederlande, Österreich, Finnland), insbesondere aber in Deutschland , bedarf es höheren Reallohnsteigerungen, als in den Defizitländern.

Die Ungleichgewichtung bei der Lohnentwicklung in Europa kann dadurch , ohne Nachfrageverwerfungen, schrittweise innerhalb von mehreren Jahren (sicher aber mehr als 5 Jahre) bereinigt werden.

Die deutsche Außenwirtschaft wird dadurch zwar geschwächt, die Binnenwirtschaft aber durch die höhere Kaufkraft wesentlich gestärkt.

Werfen wir mal einen Blick auf drei Grafiken:

1. Reallohnverluste in Deutschland 2000-2009

Reallohn-2009

(Screenshot-Quelle DGB-Einblick 21/11)

2. Lohnstückkosten in Deutschland1 LSKosten (mit Pop-up vergrößern)

3. Lohnstückkosten im Vergleich (mit Pop-up vergrößern)1 IMK

Quellverweise:

 

Bruttoinlandsprodukt 2010

IKK Report 60-März 2011. Deutsche Arbeitskosten im europäischen Vergleich-Auswirkungen Eurokrise

beriets im folgenden DNZS Artikel: verwendet Arbeitskosten in Deutschland: Lohnstückkosten weiter niedrig:

Wie kann eine abgestimmte Lohnpolitik in Europa umgesetzt werden?
Friedericke Spiecker schlägt in einem Artikel auf den NachdenkSeiten einen Lohnkoordinationsplan vor:
Im Prinzip deckt sich das mit meinen Vorstellungen.

Zitat (Auszug):

(…)Ferner erfordert ein positives Krisenmanagement, dass die deutsche Lohnpolitik nicht nur auf den Pfad der streng an der gesamtwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung plus der 2%-Zielinflationsrate orientierten Entwicklung der nominalen Stundenlöhne zurückkehrt, sondern ungefähr zehn Jahre lang oberhalb dieses Pfades verläuft, also im Durchschnitt gut 4 ½ % jährliche effektive (!) nominale Lohnsteigerungen realisiert…(…)

Doch alles Bemühen von deutscher Gewerkschaftsseite, mit einer offensiven Lohnpolitik den entscheidenden Wendepunkt in der Eurokrise herbeizuführen, ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Lohnabschlüsse in den EWU-Krisenländern nicht spiegelbildlich zum deutschen Abweichen von der 2%-Zielinflationsrate nach oben umgekehrt konsequent darunter, aber positiv bleiben, etwa eine 1%-Wachstumsrate der Lohnstückkosten anstreben. Übrigens kann sich daraus für jedes Land eine andere Wachstumsrate der nominalen Stundenlöhne ergeben, nämlich je nachdem, zu welchen Produktivitätssteigerungen sich die Länder aufraffen können. (…)

Im Gegenzug zu dem Lohnkoordinationsplan sollten die Gewerkschaften, vor allem die deutschen, von den Regierungen eine kompromisslose Regulierung des Bankensektors und der Finanzmärkte einfordern. Zugleich muss sich die EZB auf die uneingeschränkte Unterstützung der Arbeitsmärkte durch eine wachstumsfreundliche Geldpolitik verpflichten, was einer Abkehr vom Monetarismus gleichkommt. Gerade zu letzter Forderung hätten die europäischen Gewerkschaften dann alles Recht, weil sie durch die genannte Lohnkoordination die einzig mögliche dauerhafte Rettung des Euro und damit die Rettung der Daseinsgrundlage der EZB bewerkstelligen würden. Ob die Gewerkschaften allerdings noch rechtzeitig die Krise als ihre große Chance erkennen und entsprechend mutig handeln werden, ist leider mehr als ungewiss…

Quelle:

Welche Verantwortung kommt der Lohnpolitik bei der Lösung der Euro-Krise zu? Beitrag für die Nachdenkseiten von Friederike Spiecker: NachDenkSeiten

Friedericke Spiecker spricht hier leider genau den springenden Punkt an.

Ich ergänze: Wie sollen die Gewerkschaften diese komplexen Zusammenhänge ihren Mitgliedern erklären?

Es ist ja schon schwierig den Menschen zu sagen, dass sie nicht immer den Bild-Kampagnen folgen sollen und wir nicht Griechen oder andere Menschen retten, sondern retten wir Gläubiger, die Besitzer von Staatsanleihen. Und wie sollen sich die Gewerkschaften europaweit koordinieren?
Ich nehme leider immer noch überwiegend eine tarifpolitische Kleinstaaterei wahr. Und wie durchschlagkräftig sind die Gewerkschaften, um in Europa, speziell im Euroraum, lohnpolitisch die wirtschaftlichen Ungleichgewichte, die eine der Hauptursachen der Eurokrise sind, zu bereinigen?

Wo und wer sind die politischen Verbündeten?
Fakt ist aber: Eine Bereinigung der Ungleichgewichte ist zwingend notwendig.

Stellen wir uns einmal das Szenario für Deutschland bei einem Auseinanderbrechen der Eurozone un ein zurück zum übermächtigen Nationalstaat vor
Die Finanzmärkte werden ihre Spekulationen wieder so richtig entfalten können. Währungsspekulationen und Währungsabwertungen der nationalen Notenbanken in den heutigen Defizitländern würden zu einer überblähten neuen DM führen.

Die Exporte brechen ein, weil in Deutschland produzierte Produkte zu teuer sein werden. Massenentlassungen werden die Folge sein. Es ist fraglich, ob das alles über Kurzarbeit und Arbeitszeitverkürzungen aufgefangen werden kann.

Die Arbeitgeber werden von ihren politischen Verbündeten aus Wissenschaft, Medien und Politik erwarten, die Gewerkschaften zu massiver Lohnzurückhaltung aufzufordern. Natürlich werden sich in der Bundesrepublik lebenden Menschen dann kurz über die dann billigeren Importe aus dem Ausland freuen. Dieser kurzfristige Nachfrageeffekt wird dann verpuffen, wenn der Verlust des Arbeitsplatzes droht.
Das alles wird zu einer deflationären Abwärtsspirale führen, wo dann erst recht keiner mehr wissen wird, wie das ganze dann aufzuhalten ist.

Deshalb: So falsch es vielleicht war den Euro zum damaligen Zeitpunkt einzuführen, ist es unbedingt notwendig, unsere gemeinsame Währung nun zu retten. Das ist m.E nicht nur politisch, auch ökonomisch sinnvoll.
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weiter zu Teil 2 im Politik Blog
-Die neue wirtschaftliche Vernunft!
Warum nicht alles über die Tarifpolitik korrigiert werden kann und ..
Warum wir mehr Kooperation und nicht mehr Wettbewerb brauchen.

Zu Teil 2

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LA NS

Linkempfehlungen zum Thema:
Tarifrunde 2012

werden fortlaufend im Linkblog
der Netzschau gesetzt.

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2 Kommentare zu “Lohnpolitik im Schatten der Eurokrise – Eine große Herausforderung für die Gewerkschaften / Teil 1

  1. Völlig daneben – wer hat denn Hartz IV – die Ursache dieser Entwicklung durchgewunken? Wer hat die Arbeitszeitverlängerung akzeptiert? Wer hat den neuen Tarifvertrag im öffentlichen Dienst abgenickt?

    Die Gewerkschaften bzw. deren Vertreter wurden genauso korrumpiert wie die Politiker. Sie sitzen an denselben Fresskörben!

  2. Es sind die gesamten Arbeitsmarktreformen (insbesondere Leiharbeit und die perverse Ausbreitung von 400 Euro Jobs) , die m.E zurück reguliert werden müssen. Dazu das Problem, dass sich Arbeitgeber ziemlich einfach aus der Tarifbindung verabschieden können. Da gehe ich im zweiten Teil auch noch kurz drauf ein.

    Allerdings haben die Gewerkschaften sich klar gegen Hartz4 positioniert. Nur haben sie gar nicht die Macht etwas durch den Bundestag zu winken oder nicht. Das ist nämlich Aufgabe des Parlaments.

    Was die Tarifpolitik betrifft: Abgenickt? Kann sein. Aber das hat auch was mit Verhandlungsmacht zu tun. Und die haben die Gewerkschaften kaum noch. Außnahme ist vielleicht die IG Metall in der Stahlbranche. Und dieser Verlust der Verhandlungsmacht wurde natürlich auch durch den Niedrig-Lohndruck von unten weiter forciert. Aber auch die mangelnde Bereitschaft der Arbeitnehmer/Innen sich in Gewerkschaften zu organisieren und aktiv von unten „Dampf“ auf die Funktionäre zu machen. Auch das gehört zu den Realitäten.

    Also was tun. Keine Tarifverträge mehr? Jeder handelt seinen Vertrag selber aus?
    Was schlagen Sie vor?

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