Bochumer UmFAIRteilen Tag- Es kamen Menschen, die sich Sorgen machen!

Demokulisse-Masenbergstrvon Marty Ludischbo (Bochum) Am letzten September-Wochenende wurde in vielen Städten gegen die öffentliche und private Verarmung demonstriert. Summiert auf alle Aktionsstädte zählten die Veranstalter (ein breites Bündnis aus Sozialverbänden und Gewerkschaften) ca. 40.000 Menschen. In Bochum sollen angeblich 6.000 gewesen sein. Vielleicht etwas übertrieben. Viele hatten mehr Teilnehmer/Innen erwartet. Trotzdem war der UmFairTeilen-Tag ein Erfolg. Die öffentliche Aufmerksamkeit war groß und das Anliegen fand Zugang in allen wichtigen Medien. Es kamen Menschen, die nicht neidisch sind, sondern sich Sorgen machen. Ein Kurzbericht mit Demo-Bildern und aktuellen Anmerkungen aus Bochum.

Der Rahmen war von den Organisatoren klug durchdacht. Eine Mischung aus Musik und prominenten Redebeiträgen sorgten für einen bunten Veranstaltungstag. Der Demonstrationszug symbolisierte den Kern der Probleme. AM SSH
1. Vorbei am Bochumer Rathaus, dessen Ratsmitglieder ständig an Haut und Haaren die kommunale Unterfinanzierung spüren.
2. Vorbei am Ort des geplanten Bau des Musikzentrums auf der Viktoriastraße. Dieses heiß diskutierte Infrastrukturprojekt veranschaulicht den innerkommunalen „Verteilungswettbewerb“- nämlich wie Kultur und Soziales gegeneinander ausgespielt werden.
3. bis zum Zielort – das Bochumer Schauspielhaus, immer wieder Bestandteil Bochumer Kürzungsideen. (Die Bühnenarbeiter/innen und Künstler/innen kennen das nur zu genüge).

So gelungen das Programm und die Reden auch waren, sind wir ganz ehrlich, es hätten durchaus etwas mehr Menschen kommen können. Die geschätzten 6.000 des Aktionsbündnisses halte ich für etwas übertrieben.
Lt WAZ wurde die Veranstaltung durch die Polizei mit 5.000 geschätzt. OK. ich kann schlecht schätzen. Ich hatte so 3.000 – 4.000 geschätzt. Insgesamt kamen nach Angaben der Veranstalter in ganz Deutschaland über 40.000.(siehe PM unten).

In Bochum begeisterte sich die Ver.di-Geschäftsführerin Gudrun Müller über die gekommenen Demonstranten. „Ein toller Anblick von hier oben“ Was soll sie auch anders sagen? Erhofft haben sich die Veranstalter natürlich mehr. Ich hatte den Eindruck, dass nur wenige Menschen anwesend waren, die direkt von persönlicher Armut betroffen sind. Schließlich waren es gerade die Sozialverbände, die das Anliegen der UmFairteiler mit initiiert haben. Menschlich verständlich. Die Armen sind verschämt, weil die Gesellschaft ihre Würde verletzt. Deswegen brauchen sie die Solidarität der Anständigen. Und da sollten wir natürlich auch nicht die vielen Unterstützer/Innen im Internet unerwähnt lassen. Allein die Campact.de Kampagne haben über 90.000 Menschen unterschrieben. Dazu über 5.000 bei Facebook. Und das Bündnis selber hatte über 9.000 Unterschriften gesammelt.

Bunt, laut, witzig – manchmal auch nervig
Aus allen Teilen des Ruhrgebietes und Umgebung sind sie angereist. Die UmFAIRteiler.

Darunter natürlich auch die üblichen revolutionären Randgruppen, die zu allen Demos gehen. Zwar wenige, aber die fielen halt hauptsächlich auf, weil sie sehr intensiv Flyer unter den Demonstranten verteilten. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten die Flyer zwar höflich, aber eher genervt entgegennahmen. P1090821Die meisten Menschen kamen so auch aus dem Gewerkschaftslager. Zumindest waren die Fahnen der DGB-Gewerkschaften zahlenmäßig überlegen. Die Grünen und sogar die Piratenpartei hatten eigene Stände. Die Linken zeigten sich ebenfalls mit reichlich Fahnen und Mützen.
Die SPD zeigte sich nicht so. Ein paar Fähnchen habe ich dann aber dann doch gesichtet. Das heißt natürlich nicht, dass keine Sozialdemokraten anwesend waren. Nicht jeder hält seine Fahne auch hoch. DerSPD Fähnchen SPD hätte es aber sicher gut gestanden zu diesem Thema klar Flagge zu zeigen. Vielleicht schämen sich die meisten noch wegen der unsäglichen Agenda-Politik, die natürlich mitverantwortlich für die wachsende Ungleichheit ist.

P1090839

Ein Anschauer waren die symbolischen Besatzungszelte der Occupy-Leute. Auf der Abschlusskundgebung am Bochumer Schauspielhaus dienten sie nicht nur zwischenzeitlich für die Polizei als Straßensperre, sondern als Objekt der Demo-Paparazzis. (Zu denen ich dann auch gehörte, wie die Fotos ja zeigen )

Für Stimmung sorgte die DGB-Jugend, die mit ihrem Discobus für gewaltigen Sound sorgte.

Also:
Öffentlichkeitswirksam war der UmFAIRteiler-Aktionstag alle mal.

Das Thema Verteilungsgerechtigkeit wird die SPD wohl kaum politisch gestalten können. Nicht weil sie es nicht könnten, sondern nicht wollen.
U Schneider
Das Thema Umverteilung und Verteilungsgerechtigkeit wird den Wahlkampf bestimmen. Zumindest glaubt dies der Hauptinitiator und Redner Ulrich Schneider (Vorsitzender des paritätischen Wohlfahrtverbandes) Die SPD-Basis findet das Anliegen sicherlich sympathisch. Da aber ihr neuer Kanzlerkandidat Peer Steinbrück bereits ein progressives Mitte-links Bündnis (Rot-grün-rot)  ausgeschlossen hat, wird dieses Thema allenfalls im Wahlkampf eine Rolle spielen. Umsetzen wird die SPD es nicht können, weil:
Für Rot-Grün wird es höchstwahrscheinlich nicht reichen. Und in einer großen Koalition oder in einem Ampelbündnis mit der FDP lässt sich solch ein wichtiges Anliegen in der Bevölkerung wohl kaum durchsetzen. Und das bleibt die Frage, ob der frisch gekürte Kanzlerkandidat das überhaupt will. Auf dem NRW- Landesparteitag forderte er auch dann „Beinfreiheit“ von seinen Genossen.  Diese Aussage lässt befürchten, dass die Basis möglicherweise andere Vorstellungen hat als ihr Kandidat.

Somit mein Fazit:
Wir brauchen eine gelebte Solidarität gegen Armut. Und das hat dieser Tag in Bochum gezeigt. Es kamen vor allem die Nachdenklichen. Nein, mit Neid hat das nichts zu tun. Auch wenn die Konservativen das immer gebetsmühlenartig runterrasseln.
Jeder sieht, dass ein Mensch von Niedriglöhnen und Armutsrenten nicht klar kommt. Natürlich haben abhängig lebende Menschen auch selber Angst irgendwann in Zukunft eine Armutsrente zu beziehen, obwohl sie jahrelang hart gearbeitet haben.
Jeder sieht die Schlaglöcher und die fehlende menschliche Fürsorge in unserem Pflegesystem.
Jeder sieht die Situation in den Kitaeinrichtungen. Dort mangelt es an Qualität und Quantität.
Das und vieles mehr sind die Merkmale der öffentlichen Unterfinanzierung. Trotz „sprudelnder Steuereinnahmen“. Und selbst wenn das vorhandene Steuergeld anders verteilt würde, reicht es nicht aus, um notwendige Investitionen in der öffentlichen Daseinsvorsorge voranzutreiben. Den Wohlhabenden mehr zur Verantwortung aufzufordern hat nichts mit Neid zu tun, sondern ist gerecht und klug.
Klug deshalb:
Auch die Vermögenden haben ein Interesse an einer vernünftigen Verteilungspolitik . Denn auch sie nutzen die öffentliche Infrastruktur und profitieren am Ende von einer breiten Kaufkraft.
Gerecht deshalb:
Die Vermögenden haben am meisten profitiert – vor und nach der Krise. Und dann kann es nur heißen: „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen.“ Das ist übrings kein Zitat aus dem kommunistischen Manifest. Nein, es ist eine der Grundsätze des Ordoliberalismus – von Walter Eucken formuliert.

Ein Demonstrant brachte es abschließend auf den Punkt:  „Es kamen hauptsächlich die Menschen, die sich Sorgen machen“ Politische Mehrheiten, um die Sorgen ernsthaft progressiv zu verbessern, sind leider nicht in Sicht. Zumindest noch nicht.

——————-Fußnote———————————————

Videos aus Bochum – zusammengestellt vom Blog „Irre es handeln die Falschen“ hier netzschauen

Zitate zur Verteilungspolitik: – Harald Schumann-(Wirtschaftsjournalist) „Verteilungspolitik ist nicht alles. Aber ohne Verteilungsgerechtigkeit ist alles nichts.

– Annelie Buntenbach auf der Abschlusskundgebung am Bochumer Schauspielhaus (Umfairteilen 2012):

Abdgb

– Ulrike Herrmann: Wer reich sein will, sollte sich als Baby die richtigen Eltern aussuchen.“ Quelle: Reich und reich gesellt sich gerne

Andere Meinungen

Pressemitteilung vom Aktionsbündnis
FR Onlnie- Ein Hauch von Revolution
Christian Jacob (taz.de)- Druck auf SPD und Grüne
Peter Nowak (teleopolis)
Faire Krisenproteste in Deutschland

Bo-Bewgung- Starker Kampagnen Auftakt

5 Kommentare zu “Bochumer UmFAIRteilen Tag- Es kamen Menschen, die sich Sorgen machen!

  1. Leider ziehen aber viele Menschen die falschen Rückschlüsse. Ich hatte jetzt eine „Diskussion“ (es kam nicht richtig dazu) in einem Blog. Da werden eben die Ausländer für das Ausbluten des Sozialstaates verantwortlich gemacht. Alles, was ich sagte, hatte nur die Reaktion, dass die Leine ziehen sollten (mal salopp formuliert). Meine Hinweise auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge wurden negiert. Das ist das Traurige in unserer Gesellschaft. Was wurde mir gesagt? Geh nur auf die Straße, in der Zwischenzeit räumen dir die Roma die Wohnung aus. (Es ging um Roma in Deutschland). Unqualifiziert wie sonst etwas, aber ich bin mir ganz sicher, keine Einzelmeinung.

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