Auch nach 12 Jahren: Reallöhne gesunken

(Nachtrag Februar 2013)  Eine neue Veröffentlichung des Wirtschaft und Sozialwissenschaftlichen Dienst (WSI) zeigt, dass auch nach 12 Jahren die Reallöhne, brutto je Beschäftigten, um ca. 1,8% gesunken sind.
Anbei die Pressemitteilung des WSI vom 12.02.2012 und anschließend dazu einige Anmerkungen.

PM 12.012.2013
Neue Berechnungen des WSI-Tarifarchivs
Reallöhne um 1,8 Prozent niedriger als im Jahr 2000

Die Löhne sind zuletzt stärker gestiegen. Trotzdem liegen sie real immer noch unter dem Niveau der Jahrtausendwende. Und deutlich zurück hinter den Gewinn- und Vermögenseinkommen. Das zeigen neue Berechnungen des WSI-Tarifarchivs in der Hans-Böckler-Stiftung.

Real, also nach Abzug der Preissteigerung, sind die durchschnittlichen Bruttolöhne je Beschäftigtem in Deutschland zwischen 2000 und 2012 um rund 1,8 Prozent gesunken. Die vergangenen drei Jahre, in denen die Löhne real um 1,2, um 1 und 0,6 Prozent zulegten, haben die erheblichen Verluste noch nicht ausgeglichen, die zuvor aufgelaufen waren. Schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen und die Deregulierung am Arbeitsmarkt hatten dazu beigetragen, dass sich die Arbeitseinkommen in den 2000er Jahren schwach entwickelten. So verstärkten die Hartz-Reformen den Druck auf die Verdienste. Der Niedriglohnsektor wuchs. Immerhin wird der Rückstand kleiner: 2009 hatten die realen Bruttolöhne sogar um 4,6 Prozent niedriger gelegen als 2000.

Stärker haben sich die Tariflöhne und -gehälter entwickelt. Sie waren 2012 real um 6,9 Prozent höher als im Jahr 2000. In den meisten Jahren dieses Zeitraums beobachteten die Experten des WSI-Tarifarchivs eine negative Lohndrift. Das heißt: Die Bruttoeinkommen, in die unter anderem auch die Löhne der nicht nach Tarif bezahlten Arbeitnehmer einfließen, blieben hinter den Tarifeinkommen zurück. „Das zeigt, dass das Tarifsystem in der vergangenen Dekade mehr denn je das Rückgrat der Lohnentwicklung in Deutschland war“, sagt Dr. Reinhard Bispinck, der Leiter des WSI-Tarifarchivs. Jedoch nahm die Prägekraft im gleichen Zeitraum ab, vor allem, weil die Tarifbindung sank und Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten tarifliche Öffnungsklauseln nutzten. Daher schlugen Steigerungen bei den Tariflöhnen nur zum Teil auf die Bruttoverdienste durch.

Die Einkommen aus Vermögen und Unternehmensgewinnen haben die Arbeitseinkommen seit der Jahrtausendwende deutlich hinter sich gelassen, zeigen die WSI-Berechnungen: Zwischen 2000 und 2012 legten sie nominal um rund 50 Prozent zu, trotz eines zwischenzeitlichen Einbruchs in der Wirtschaftskrise 2009. Die nominalen Arbeitnehmerentgelte wuchsen dagegen nur um knapp 24 Prozent. Zuletzt ist auch hier der Abstand etwas kleiner geworden: Die Löhne machten Boden gut, die Kapitaleinkommen leiden unter der momentanen Zinsschwäche. Gleichwohl bleibe die Schere noch weit geöffnet, und das sei schlecht für die Entwicklung in Deutschland und Europa, betont WSI-Experte Bispinck: „Wir sehen derzeit deutlich, wie wichtig eine solide Binnennachfrage für unsere wirtschaftliche Stabilität ist. Eine deutliche Stärkung der Massenkaufkraft durch höhere Löhne ist dafür unverzichtbar.“

Schaubilder/Grafiken hier anschauen

Meine Anmerkungen:
1.
Wenn die Löhne – Tarif und Nichttariflöhne- zusammen um 1,8% gesunken sind, die Tariflöhne an sich aber um mehr als 6% gestieegen sind, heißt das, dass die Löhne der Tariflos-Beschäftigten real erheblich gesunken sind. Leider gibt es dafür keine wissenschaftlichen Erhebungen. Deswegen versuche ich das an dieser Stelle mal mit einer vorsichtigen Schätzung:
Lt. Spiegel-Online arbeitete nur noch jeder zweite Beschäftigte unter einem Tarifvertrag. (hwn)
Allerdings stützte sich ads Blatt auf eine IAB Studie. DER WSI kommt da zwischen 1998 und 2011 zu anderen Berechnungen: Demnach betrug 1998 die Tarifbindung im Westen 76% und im Osten 63% – 2011 West nur noch 61 – Ost 49 (hwn)

Also gehen wir mal vorsichtig von einem Verhältnis 55:45 aus
Heißt mathematisch zunächst, dass damit die  Durchschnittslöhne der Tariflos-Beschäftigten um ca. 8,9 %% gesunken sind.
Allerdings gibt es auch nicht tarifgebundene Arbeitgeber, die sich an Tarifverträge orientieren.
Für Beschäftigte, dessen Arbeitgeber weder tarifgebunden, noch sich an Tarifverträge orientiert, dürfte sicherlich Reallohnverluste im zweistelligen Bereich zu beklagen haben.
Der Extremfall. Ein Beschäftigte, der seit 2000 keine nominale Lohnerhöhung bekommen hatte musste durch die Inflation einen realen Lohnverlust von ca. 22 % hinnehmen.

2.
Auch bei 6,9 % Reallohnsteigerung der Tarifbeschäftigten irritiert einwenig. Auch hier haben wir einen Durchschnittswert. An der Spitze stehen diverse IG Metall Tarifverträge, die sicherlich weit über die 6,9% Zuwachs hatten. Unten stehen Kinobeschäftigte und Reinigungskräfte, die sich mit Steigerungen weit unter den realen 6,9 % begnügen mussten.

Zurecht machte der Text darauf aufmerksam, das die Hartz-Reformen maßgeblich an dieser schockierenden Lohnsituation verantwortlich sind. Der Druck, die Angst vor Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und prekären Beschäftigungen (z.B Aufstocker-400 Euro Jobber etc.) haben die Arbeitnehmer/Innen insgesamt gefügig gemacht. Das war dann auch wohl das Ziel.

Fazit: Die Lohnkonkurrenz muss gebändigt werden. Nur dann steigen die Löhne insgesamt. Neben einen gesetzlichen Mindestlohn  muss der Tarifvertrag wieder im Mittelpunkt der Lohnfindung stehen.
Heißt. Tarifflucht  muss erschwert werden und allgemeinverbindliche Tarifverträge müssen wieder ausgebaut werden.
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:

13.März/Gegenblende: „Die Allgemeinverbindlichkeit zur Bekämpfung von Lohndumping“ – von Andrea Kocis (hwn)

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