Finanzwetten: Die phantasievolle Ahnungslosigkeit von Sarrazin und CO

Text: Sören Kater
Linkzusammenstellung: Marty Ludischbo

Vor der Finanzkrise hatten die Berliner Verkehrsbetriebe sich an einer sog. Derivatwette beteiligt. Das Unternehmen hatte offensichtlich 2007 darauf gewettet, dass die Finanzkrise wohl nicht kommen wird. Die Wette ist verloren. Aufsichtsratschef war damals ein gewisser Herr Sarrazin (heute Buchautor). Wie kann man auf die Idee kommen, dass  Kommunen und/oder ihre eigenen Unternehmen sich an undurchsichtige Finanzspekulationen beteiligen? Auf der Suche nach einer Antwort ist mir mal wieder  der Begriff „Phantasie“ über den Weg gelaufen! 

Was ist bei der BVG passiert?

Hier eine kurze Netzschau:

Taz.de:- BVG Wirtschaftskrimi: „Das ist Teil der Strategie”  (hwn) .. dazu auch ein Artikel aus dem Jahre 2009 – „BVG Chef mit Gegenwind” (hwn)

Handelsblatt: 22.01.2013 „Was JP Morgan der Berliner U-Bahn verschwieg” (hwn)

 In der Serie von Marty Ludischbo um den Fall Prokon  ist noch mal klar geworden, dass hohe Zinsen oder Gewinne auch immer ein hohes Risiko bedeutet. Was Omis und Tanten, wie der Autor es beschrieb , vielleicht nicht überschauen konnten, muss man das natürlich bei Spitzenvertreter der Kommunalwirtschaft  schon erwarten können.

Und dann der Buchautor Herr Sarazin. Hier ein Zitat aus der aktuellen TAZ

Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin sagte über das Geschäft im Jahr 2008 – nachdem die Wette verloren war, aber noch bevor er in den Vorstand der Bundesbank wechselte – dass „niemand sich darüber mehr ärgert als ich“. Er rechtfertigte die damalige Entscheidung damit, man habe im Jahr 2007 nicht ahnen können, dass kurz darauf eine Finanzkrise ausbricht: „Dass sich aus heutiger Sicht die Dinge anders darstellen, ist absolut klar.“

Quelle:  Print Ausgabe  mit folgender Überschrift betitelt: „Die unwissenden Spekulanten” – auf taz.de mit dem Titel „Spekulation mit Kreditderivaten (hwn)

So So Herr von und zu Sarrazin. Also nichts ahnen können ist Ihre Antwort?
Nee is klar Mr. Deutschland schafft sich ab.! Von einem Aufsichtsratsvorsitzenden und Ökonomen, egal von welcher Schule, hätte man Weitsicht  ja wohl erwarten können.
Die BVG ist nur ein aktuelles Beispiel. In ganz Deutschland, aber auch im Ruhrgebiet hatten sich Oberbürgermeister von sog. Cross Boarder Leasing (CBL) Geschäften verleiten lassen. Das waren zwar keine Derivat-Wetten, aber irgendwie auch eben Wetten, die dann in der Regel nach der Finanzkrise 2007 platzten. Viele Kommunalhaushalte beschäftigen sich immer noch mit den Folgen.

Dazu eine interessante Linksammlung aus dem Labournet
„Crosboarder – kommunale Beispiele (hwn)

Und warum  kamen Kommunalpolitiker, vor allem von finanzschwachen Regionen wie Berlin oder das Ruhrgebiet, auf die Idee, solche Geschäfte überhaupt in Erwägung zu ziehen?
Dazu passt auch der Kommentar von Ulrike Herrmann: „Der Betrug am dummen Deutschen“ (hwn)

In meinem Wahlkreis kenne ich die einen oder anderen Leute, die dem Stadtrat und Verwaltung sehr nahstehen. In Besprechungen kommt es immer wieder zu den Einwänden: „Wir haben doch eigentlich kein Geld” Von vorgesetzter Stelle kommt dann immer wieder: „Dann müssen wir Phantasien entwickeln”. Das scheint so ein Modesatz dieses Jahrhundert zu sein. Das begegnet mir immer wieder, auch in meiner Einrichtung, die jährlich um Gelder buhlen muss.

Haben solche Phantasien zu diesen Verzweiflungstaten geführt? Oder gibt es in Verwaltungen vielleicht so ganz viel krimineller Energie? Wer weiß das schon.
Eigentlich müssen wir durch solche Vorgänge wie bei der BVG oder die Beispiele mit dem CBL endlich wach werden. Die Kommunen sind in vielen Gegenden unterversorgt. Abhilfe? Wohl kaum. Im Koalitionsvertrag ist darüber nichts zu lesen. Die Initiative für eine zukunftsfähige Infrastruktur hatte dazu bereits letztes Jahr eine ernüchternde PM herausgegeben. (hwn)

Der kommunale Investitionsstau wird also vermutlich länger und länger.

Und wieder einmal werden, Verantwortliche, die sich um unser Gemeinwohl kümmern sollten,  nach  „phantasievollen” Lösungen umschauen. Und das gepaart mit Ahnungslosigkeit lässt leider weithin nicht gutes vermuten.

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Der Autor Sören Kater ist Baujahr 1967, kommt aus Herten und arbeitet an einer sozialen Einrichtung in Gelsenkirchen.
in seiner Freizeit kommentiert er gelegentlich eherenmatlich für unserer Blogmagazin.

3 Kommentare zu “Finanzwetten: Die phantasievolle Ahnungslosigkeit von Sarrazin und CO

  1. Bei Derivaten handelt es sich – besonders in Form von Warentermingeschäften + Devisentermingeschäften – um WETTEN auf den zukünftigen Wert. Der Begriff Casinokapitalismus trifft hier voll zu.

    Selbst Warren Buffet, einer der reichsten Männer der Welt, der keinerlei sozialistischer Umtriebe verdächtig ist, bezeichnete sie als „finanzielle Waffen zur Massenvernichtung.“

    Auch beim PPP-Modell (Public-Private-Partnership) handelt es sich, wie der englische Name schon vermuten lässt, um einen globalen Angriff der Privatwirtschaft mit staatlicher Unterstützung auf die öffentliche Daseinsvorsorge – und das weltweit.

    Wie auch Credit Default Swap (CDS, engl. Kreditausfall-Swap) und Leerverkäufe gehören sie zum Waffenarsenal der Spekulation.

    „The more I see of the moneyed classes, the more I understand the guillotine.“ George Bernard Shaw

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