Günther Jauch! Was soll so eine Art von politischer Berichterstattung im gebührenfinanzierten Fernsehen?

Mit einer aus dem Zusammenhang gerissen Aussage wurde der griechischen Finanzminister Varoufakis aufs Glatteis geführt. Wozu? Um einen Meinungstrend zu verfestigen? Ist diese Art von Politik-Talk im öffentlich rechtlichen Fernsehen wirklich noch zu ertragen?

Am Sonntag hatte der Showmaster Günter Jauch in der ARD den griechischen Finanzminister Varofakis zu seinen politischen Talk geladen.
Wer nun gedacht hatte, die deutschen Fernsehzuschauer bekommen nun eine sach-und inhaltsorientierte Diskussion geboten, wurde leider enttäuscht. Allein schon die Sendungsankündigung auf der ARD Homepage : „Der Euro-Schreck stellt sich“ hätte eigentlich schon vermuten können, dass es um Emotionen, Schuldzuweisungen und das übliche, von der Bild-Zeitung angeheizte, Griechenland Bashing gehen wird.

Hinweis:
Die Anti Griechenlandkampagne der Bildzeitung gipfelte im Februar dieses Jahres mit einer Kampfseite: „Nein: Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen“

Dazu einen Beitrag vom  bildkritische bildblog:  „Die Radikalos-Kampagnen der Brandstifter Journalisten.“ (hwn

Die passenden Gäste: Der bayrische Finanzminister Söder und Bild Kommentator Ernst Elitz.
Während Yanis Varoufakis sich bemühte versöhnliche Worte zu finden, hauten Söder und Erlitz von Anfang an drauf. Abteilung Attake. Treu nach dem Motto. Wer Schulden hat, hat auch Schuld. (Anm.1)
Jauch schritt nicht ein.

Der Stinkefinger auf Deutschland?
Der Politik Talk gipfelt dann in einer völlig aus dem Zusammenhang gerissene Darstellung, wo Varofakis angeblich in Richtung Deutschland den Mittelfinger zeigte. Unglücklicherweise tappte der politisch unerfahrene neue Finanzminister in die Falle und bezeichnete das Video als eine „Fälschung“. Besser wäre es gewesen, er hätte von „Verfälschung“ gesprochen. Fakt ist aber: In seiner Rede auf einem Kongress in Zagreb 2013 meinte er was ganz anderes. Im Kontext sagte er sinngemäß, dass (2013) eben gerade keine Option sei, Deutschland den Stinkefinger zu zeigen.

Die auch von uns oft kritisierte Spiegel Online Redaktion hatte das diesmal im Kern richtig interpretiert, nach dem Varofakis die Rede von 2013 via Twitter in voller Länge zur Verfügung stellte.

 Netzschauen sie auch im Blog von Stefan Niggemeier:
„Wie Günther Jauch die Stinkefinger Aussge von Varofakis verfälschte“ (hwn)

Muss man von einem Gebührenfinanzierten Fernsehprogramm nicht folgende grundlegende Punkte erwarten können:
* gründliche Rechereche
* einen Beitrag zum sachlichen und inhaltlichen Diskurs
* keine Duldung von verbalen Nebenkriegsschauplätzen, die vorrangig nur dazu dienen, von der eigentliche Sache abzulenken

Um was geht es eigentlich im Dissenz zwischen Griechenland und anderen Eurostaaten?
Es kann sein, dass die neue griechische Regierung noch diplomatisches Geschick erlernen muss. Aber es ist doch klar. Die progressive Syriza Regierung stellt sich wirtschaftspolitisch gegen den konservativen europäischen Mainstream. Sie sind für einer nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik, die deutsche Regierung steht für eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik. Dieser Kerndissens wird im Prinzip überredet. Dabei wäre es nötig ihn zu erklären. (?)
Ist das nicht Aufgabe eines Bürgerfernsehen, solche Fragen in dem Mittelpunkt zu stellen?
Und ist es nicht auch deren Aufgabe falsch produzierte Wahrnehmungen entgegenzuwirken?

Die Bild Zeitung produzierte m.E mit ihren Griechenland Kampagnen die Wahrnehmungen, die sich an Stammtischen bspielsweise ungefähr so anhören: “ Die faulen Griechen wollen nur unser Geld (…) und als Dankbarkeit für unsere Rettung mit unseren Steuergeldern (Anm.2) beschimpfen sie uns“.
Das führt schon soweit, dass manche deswegen nicht mehr nach Griechenland in den Urlaub fahren wollen.
Die Wahrheit ist aber doch: Die Griechen sind nicht von uns deutschen Steuerzahlern gerettet worden.   Die europäischen Institutionen (IWF, EZB,ESM,EFSF) haben den privaten Gläubigern die griechischen Schuldscheine abgekauft. Harald Schumann sprach schon 2011 von einem „Gläubigerschutzprogramm„.
Die Gläubiger, meist Banken ,  Griechenland wurden also gerettet. (Anm.3)
Die griechischen Schulden werden z.Z wie im Kreis hin und herbewegt. Nachdem die griechischen Schuldtitel den privaten Gläubiger abgekauft wurden, lösen nun die öffentlichen Gläubigern mit neuen öffentlichen Geldern ihre eigenen öffentlichen Kredittitel ab.

Warum stellte Jauch nicht solche Sachverhalte, statt Mittelfinger, in den Vordergrund ?
Sie wurden zaghaft diskutiert. Es gab ja noch einen Gast. Die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann. Sie hat wichtige und inhaltliche Redebeiträge, wenn auch nur kurz, vorgetragen. Sie war wohl auch die einzigste unter den deutschen Gästen, die ein Interesse an einer Inhaltlichen Diskussion hatte. Aber durch die „Stinkefinger Konstruktion“ der Jauch Redaktion, auch im Nachgang, sind ihre inhaltlichen Einlassungen leider untergegangen.

Fazit: Mit dieser Sendung ist der Grad der Erträglichkeit überschritten worden. Mit einfach ab-oder weiterschalten ist es auch nicht mehr getan. Denn hier werden nicht nur Gelder verschwendet, sondern Meinung gemacht und produziert.
Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Jauch Redaktion es nur lediglich versäumt hat, gründlich zu recherchieren. Mir kam es fast schon so vor, als wollte die Jauch Redaktion ganz bewusst den griechischen Minister bloßstellen , um sich einen Meinungstrend anzuschließen.
Günter Jauch ist ein guter Showmaster. Ich mag ihn auch. Aber ein guter Journalist ist er offensichtlich nicht. Denn er steht auch für die inhaltliche Verantwortung. Und mit journalistischer Berichterstattung hatte das am Sonntag mal wieder nichts zu tun. Ich bin entsetzt wie meine und Ihre Gebührengelder für sowas verschwendet werden.

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Anmerkungen:

*1
Das ist natürlich völliger Unsinn. Ohne Schulden keine Ersparnisse. Dazu Flassbeck 2014 (hwn)

*2
Billanziert ist noch kein Steuereuro geflossen. Der Steuerzahler haftet dafür, dass die öffentlichen Institutionen den privaten Gläubigern die griechischen Staatsanleihen abgekauft haben. Gleichwohl ist nicht anzunehmen, dass keine Steuergelder fließen werden. Denn Griechenland kann seine Schulden z.Z vermutlich nicht refinanzieren. Aber dieses Ausdifferenzierungen finden in der öffentlichen Schlagzeilendebatte keinen Platz.

*3
Angeblich um eine neue Finanzkrise zu vermeiden. Nach marktwirtschaftlicher Logik hätte man die Gläubiger, meist Banken nicht retten dürfen. Zu groß, um zu fallen das Torschlagargument.  Aber geholfen hat das der griechischen Volkswirtschaft nicht. Im Gegenteil. Durch die Sparpolitik leidet die Bevölkerung.  (hwn)

8 Kommentare zu “Günther Jauch! Was soll so eine Art von politischer Berichterstattung im gebührenfinanzierten Fernsehen?

  1. 1. Ich habe die Sendung nicht gesehen. Warum auch.
    2. Ich war letzten Sommer in Griechenland und habe die Mutlosigkeit gespürt. Als Varoufakis Dijsselbloem nach Hause schickte, hatte ich Gänsehaut.
    3. Was will man vom Staatsfernsehen anderes erwarten, als Stimmungsmache im Sinne des Staates ?
    4. Allerdings frage ich mich, warum die neue Regierung ihr eigenes Volk im Unklaren lässt, dass sie nicht wirklich wissen, wie es wann weitergehen soll. Haben die echt geglaubt, die Menschen lassen ihr letztes Geld bei den Banken? Mir fehlt das griechisch solidarische Anpacken.
    5. Mir machen die 1000EU, die ich im übertragenen Sinne abschreiben kann, keine Sorge. Sorge habe ich darüber, wie man ohne Wirtschaft in einer Wirtschaftsgemeinschaft wie der EU überleben will.
    6. Schulden erlassen und raus aus dem Euro und dann 10 Jahre in Warteschleife. Alles andere ist Blödsinn.

  2. Hallo Marty,

    ich habe mir mit Absicht diese Sendung nicht an getan, denn Jauch ist für mich schon lange kein Journalist mehr und als Zugpferd in der ARD inzwischen völlig fehl am Platze.

    Gegen Griechenland wird nur noch Stimmung, besonders aus dem schwarzen Lager gemacht und die Griechen sollen jetzt einen Denkzettel für ihre Wahlentscheidung bekommen. Diese Art der Einflussnahme steht uns Deutschen schon mal gar nicht zu und die Reparationen sollen erst mal gezahlt werden. Immerhin hat Deutschland an Griechenland so einiges wieder gut zu machen.

    1. Ja, ich denke es ist aber auch gut, wenn wir mitteilen, woher die Stimmungsmache kommt. Da ist es leider manchmal nötig sich das anzutun. Allerdings hatte ich erst wirklich die Hoffnung, gerade weil Ulrike Herrmann auch da war, dass es zu einer lebendigen Diskussion in der Sendung kommt… … ja ich hätte es wissen müssen…

    2. Jauch – ein Possenspiel, mehr nicht.

      Es wäre die verdammte Pflicht unserer Großeltern gewesen, zu zahlen und Buße zu tun. Ich war das nicht und ich will auch nicht für die Sünden meiner Ahnen haften. Wie weit soll das in letzter Konsequenz fortgeführt werden? Die wievielte Generation nach den Tätern soll wirtschaftlich marode Staaten sponsoren, aus einer „kollektiven“ Schuld heraus, die ich für mich nicht annehme.

      Der Staat Griechenland ist durch Betrug und Manipulation Mitglied der EU. Der „Rest“ der EU hat sich aus geostrategischen Gründen gern betrügen und manipulieren lassen, sehenden Auges. Nun soll es reichen, offensichtlich. Diese Logik, einem Land, was bis über beide Ohren verschuldet ist, weitere Bürgschaften für das laufende Tagesgeschäft zu geben, ist schlicht Irrsinn.

  3. So etwas gucke ich nicht. Jauch ist für mich nur Jauche. Wir haben hier ein Staatsfernsehen à la DDR. Ich erkenne keinen Unterschied mehr. Die vielgepriesenen Qualitätsjournalisten, die – wie kürzlich jemand sagte (weiß nicht mehr wer) – es in Deutschland geben soll, die völlig unabhängig und in ganzer Vielfalt berichten, gibt es nur in der Einbildung von Journalisten egal von welchen Medien. Deutschland ist derart überheblich gegenüber allen anderen Staaten, dass es schon weh tut. Ist auch kein Wunder, da alle unserer geliebten Mutti glauben und deren Worte für bare Münze nehmen. Die meisten normalen Bürger glauben doch alles, was irgendwo und irgendwie gesendet oder geschrieben wird, ob es nun um Griechenland, Russland, Ukraine, Langzeitarbeitslose geht ist dabei völlig egal. Überall wird Stimmung gegenüber der Welt und den eigenen Menschen gemacht und Tausende (siehe Pegida) quaken es nach. Das große Nachquaken ist das Übel. Wieweit würde wohl ein Jauch kommen, wenn er nicht eine breite Zustimmung erfahren würde, sprich hohe Einschaltquoten? Gäbe es denn noch eine BILD, wenn sie nicht mehr gekauft werden würde? Die Beiträge für das ÖR werde zwar zwangseingetrieben, aber wer wendet sich denn groß gegen die Lügen dieser ÖR? ein paar Hansel. Wenn wir alle es in der breite Masse machen würden, könnte es vielleicht sein, dass sich die Medien doch endlich mal wieder auf ihren Auftrag besinnen würden – zumindest positiv gedacht, aber Wunder soll es ja immer wieder geben? Die meisten Deutschen werden brav zu Jauch nicken, den Stinkefinger als gegeben hinnehmen (obwohl er trotz alledem getürkt sein könnte – man weiß ja nie), die Griechen bashen, so tun, als ob sie unser Geld verprassen würden, um faul in der Sonne liegen zu können. Die meisten Deutschen sind strohdumm und/oder denkfaul. Sie lassen per App denken. Das ist einfacher. Wir können uns stundenlang darüber unterhalten, aber wir werden nichts ändern können. Die meisten Deutschen wollen es gerade so wie es ist, mit der ganzen Lügerei, mit der Überheblichkeit gegenüber den Rest der Welt und, und, und … Leider ist es so. Die kleinen Leute werden wohl noch tiefer sinken müssen, um vielleicht, aber auch nur vielleicht, aufzuwachen. Aber auch daran glaube ich nicht, an das aufwachen meine ich, denn immer tiefer werden sie garantiert sinken, aber man wird dann in allem Elend die BILD lesen und sich freuen, wie gut es einen gegenüber Bangladesh geht. Ich habe kürzlich wieder einige entmutigende Gespräche und Mails erhalten.

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