Jan Böhmermann hat uns allen den Spiegel vorgehalten.

Was haben Sie gedacht, als Sie das Video von Jan Böhmermann (Neo Magazin-Royale) gesehen haben?
Wenn Sie es noch nicht gesehen haben und auch die Diskussion darum noch nicht mitbekommen haben sollten, schauen Sie sich erst das Video an, bevor Sie den nachfolgenden Text weiterlesen!


Ich gebe zu. Ich bin wohl einer von denen, die auf die Macht von bewegten Bildern, hereinfallen.
Ja das Video von Böhmermann ist wohl ein Fake-Fake-Fake. So wie Stefan Niggemeier wünchte ich mir, es wäre so, damit Jauch komplett blamiert ist.  Es ist aber völlig unerheblich, was ich mir wünsche und ob Böhmermanns Team den Varoufakis Stinkefinger Einspieler gefälscht haben oder nicht. Er hat uns allen den Spiegel vorgehalten.
Oder wie Jens Berger es auf den NachDenkSeiten formulierte:  „Er hat uns eine Lektion erteilt“

Auch die Spiegel Kommentatorin Hannah Pilarczyk bedankt sich für die Nebelkerzen:

„Völlig unabhängig vom vermeintlichen Wahrheitsgehalt seines Videos haben Jan Böhmermann und seine Redaktion über Nacht geschafft, wofür „Bild“, Stefan Niggemeier und auch wir von SPIEGEL ONLINE wahrscheinlich noch drei Tage gebraucht hätten: Die Debatte über die Authentizität der vermeintlichen Stinkefinger-Aufnahmen von Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis so zu überdrehen, bis sie vollkommen ins Leere gelaufen ist und sich alle Beteiligten heimlich fragen, worüber sie vergangene Woche ernsthaft diskutiert haben.“ (hwn)

Gar nicht kritisch und schon gar nicht selbstkritisch unserere Kampfmitarbeiter von Bild. Herr Wagner bezeichnete Böhmermann als „Wichtelmänchen“ und fragt ihn: „Sind Sie glücklich wieder alle verarscht zu haben“.

Aber nun weiter mit meiner Selbstkritik.
Als ich das Video gesehen hatte ging ich triumphierend zu meiner Frau und zeigte ihr das Video. „Schau mal. Der Stinkefinger ist doch gefälscht. Jetzt ist Jauch demaskiert….“ Ich rannte laut lachend im Hausflur hin und her.
Wegen seiner Spielshow bei RTL ist uns Jauch auch nicht unsympathisch. Als meine Frau das Video gesehen hatte sagte Sie: „Booahr was bin ich jetzt enttäuscht“

Hätte uns nicht eigentlich klar sein müssen, dass es sich um eine satirische Abhandlung handelte? Eine Kritik, die sich vermutlich insbesondere gegen Jauch (Anm1) und seine Redaktion richtete, aber, wie ich finde, auch irgendwie gegen uns alle.
Ich gehöre zu den Medienkritikern, die, auch schon mal mit den Zeigefinger nach oben gerichtet, sagen: „Leute, glaubt nicht alles was in den Zeitungen steht. Schon gar nicht im Fernsehen. Hinterfragt und informiert euch weiter.“ Ich sage sogar: „Hinterfragt nicht nur die Meinung anderer, hinterfragt auch eure eigene“.

Und jetzt bin selbst ich, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, hereingefallen.

Vielleicht wollte ich glauben (Anm. 2), dass der Stinkefinger eine Fälschung von Böhmermann ist.   Ich dachte sogar: „Günther Jauch mit so einem satirischen Beitrag zu überführen… Wow. Die Narrenmütze ist seine..“ (Anm.3)

Die Filterblase, auf die wir schon mal hier aufmerksam gemacht haben, ist eben noch vielschichtiger. Offensichtlich suchen und finden wir nicht nur, was uns in den Kram passt, sondern wir suchen uns auch aus, was für uns die Wahrheit ist. Und wenn man, wie aktuell, die Auswahl zwischen 2 angebliche Wahrheiten habe? Wer neigt dann nicht, die Wahrheit zu wählen, die einem für die eigene Argumentationsgrundlagen in den Kram passt? Sollte nicht.
Wir werden immer unserer eigenen Wahrnehmung ausgesetzt sein. Wir alle sind offensichtlich bereit, den ungeheuren Einfluss bewegter Bilder – im Fernsehn und im Internet –  in unserer eigenen Wahrnehmung zuzulassen. Dagegen müssen wir ankämpfen.
Wir dürfen Wahrheit nicht mit Wahrnehmung verwechseln.
Und: Wahrheit kann man sich nicht aussuchen.
Und: Oft werden wir die Wahrheit auch nie erfahren.

Das mag deprimierend sein, wir können aber eines machen: Unsere vermeidlich subjektive Wahrheit anderen nicht als Wahrheit zu verkaufen. Auch wenn es objektiv vielleicht die Wahrheit sein könnte. Natürlich sollten wir nicht so zweifeln, dass wir alles anzweifeln und alles als unwahr abschmettern.
Medienkompetenz ist das wohl berühmte Stichwort. Ab ins Phrasenschwein. Trotzdem, das ist meine Lehre aus diesem Vorgang! Zweifeln und immer Wachsam sein. (Anm.4)

Danke, Jan Böhmermann, dass Sie uns alle den Spiegel vorgehalten haben. Ich glaube, dass Ihr Beitrag 2015 Mediengeschichte schreiben wird.

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Anmerkungen

*1
Jan Böhmermann selbst sagt am Ende seines Videos: „Liebe Redaktion von Günther Jauch. Yanis Varoufakis hat unrecht. Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und einen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Mutti und Vati abends nach dem Tatort noch mal schön aufregen können: ‚Der Ausländer! Raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg. Das gibt’s ja wohl gar nicht. Wir sind hier die Chefs! So!‘ Das habt ihr gemacht. Und der Rest ist von uns.“ Fake Fake Fake?

dazu Matthias Kalle zeit online:
Und der Rest, der spielt eigentlich keine Rolle. Das ist die eigentliche Botschaft des Videos von Jan Böhmermann.(hwn)

*2
…wenn man nach Veröffentlichung des Videos Twitter und Facebook verfolgte, wollten es neben mir wohl ganz viel glauben…


*3
 Aber ist der Stinkefinger nun gefälscht? Im Prinzip ist die Antwort vielelicht in diesem Fall auch egal. Wir wissen, dass die Rede von Voroufakis aus dem Kontext gerissen iworden ist.

* 4
Das ändert auch nichts daran, dass die Jauch Redaktion katastrophal recherchiert hat. Und meinen Eindruck, dass Varoufakis, bewusst durch die Arena gezogen werden sollte, bleibt trotzdem. Ich denke den Eindruck hatte auch Jan Böhmermann. Aber liebe Leute, das ist meine Wahrnehmung. Ich weiß nicht, ob es die Wahrheit ist!

3 Kommentare zu “Jan Böhmermann hat uns allen den Spiegel vorgehalten.

    1. okay, nochmal, diese zahlen in die youtube-suche eingeben:
      MEUWxNifJJ8

      oder diesen text:
      Yanis Varoufakis: The Global Minotaur: America, Europe and the Future of the Global Economy

    2. Ja natürlich diente auch meiner Meinung das „Stinkefinger zeigen“ bei Jauch als Ablenkungsmanöver.

      Das hat Böhmermann ja auch deutlich angesprochen… mit seinen Worten.
      Aber es war ein geballte Schelte an die Medien. Und das war jetzt in diesem Post das Thema. Auch wir sind indirekt Teil dieser Medien. Auch wenn wir keinen großen Einfluss haben, es schadet nicht sich selbst zu hinterfragen.

      Der Link ist trotzdem sehr gut. Danke für den Hinweis :-)

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