Medienkonsum und Katastrophenberichterstattung! Wie wir aus Spekulationen eigene Anschuldigungen konstruieren

 Mutmaßungen: Schuld könnten Lufthansa, Ärzte, Produktivitätssteigerungen oder gar die Amis sein.
von Marty Ludischbo

Der Co-Pilot des Katastrophenfluges des Germanwings Flugzeuges 4U9252 war vor mehreren Jahren wegen akuten Selbstmordgedanken in psychotherapeutischer Behandlung. Arbeitgeber und Ärzte hätten das doch wissen müssen, oder? Durfte man so einen Menschen fliegen lassen? Sind Arbeitgeber und Ärzte also mitschuldig an dem Tod von fast 150 Menschen? Oder waren es sogar die Amis?
Man könnte aber auch sagen! Wie wir aus Spekulationen eigene Anschuldigungen konstruieren.

Thomas Fackemeier schrie laut: :

+ Auf dem Flugmarkt herrscht ein unglaublicher Preiskampf. Arbeitsverdichtung macht krank!
+ Es muss immer erst zu einer Katastrophe kommen, damit die da oben endlich mal wach werden.
+ Also: Lufthansa und Ärzte tragen also eine Mitschuld!

Oder?

Antworten Sie dazu nicht mehr. Thomas Fackemeier gibt es nicht.*1 Er ist eine reine Erfindung von mir. Ich wollte Sie reinlegen und hoffe, dass es mir nicht gelungen ist. Kann sein, dass ich das so am Stammtisch bei 5 Glas Bier und einer leckeren Frikadelle daher schwadroniert hätte. Aber so ähnliche Eigenkonstruktionen habe ich live gehört. Unter Kollegen, am Stammtisch, in der Straßenbahn. Ja, auch ich bin der Meinung, dass die ganzen Produktivitätssteigerungen psychische Störungen auslösen können. Es gibt auch durchaus konkrete Hinweise für solche Annahmen.
Das heißt aber nicht, dass es in diesem konkreten Fall so war. Es ist eine Mutmaßung und eignet sich schon mal gar nicht für irgendwelchen Schlussfolgerungen, die eine solche Anschuldigung rechtfertigen könnte.

Aber wie kommt es, dass Menschen nach so einer, höflich ausgedrückt, intensiven Berichterstattung zu solchen Schlussfolgerungen kommen?
Die aktuelle Katastrophenberichterstattung, rund um das Flugzeugunglück der Germanwings, in den Leitmedien beeinflusst „mal wieder“ massiv unsere subjektive Wahrnehmung.
Da paart man eben solche Schlagzeilen wie: „Der Co-Pilot war selbstmordgefährdet“ ..oder…„Co-Pilot war wegen Neigung zum Suizid in Behandlung„, mit seinen eigenen Vorurteilen. Man schafft sein eigenes Drama, weil wir unsere eigenen Formeln im Kopf haben. Diese Formeln werden vermutlich durch solche spekulativen Berichterstattungen der Leitmedien in unseren Köpfen aktiviert. *1

————————-
Beispiel:

Arbeitsverdichtung=Stress
Zu viel Stress=Depressionen
Depression=Selbstmordgefahr
Wettbewerb=Preiskampf

Konstruktion: „Der Pilot war depressiv, also selbstmordgefährdet, höchst wahrscheinlich ausgelöst durch zu viel Stress. Kein Wunder, bei dem Preiskampf. Weiß doch jeder, dass die Arbeitgeber die Dienstpläne verdichten, um Kosten zu sparen. Ist bei uns doch auch so…..“
———————————————————

So nach dem Motto: „Ich habe es doch immer gewusst!“

Frage:
Lösen wir uns also mal kurz von unseren eigenen Mutmaßungen! Hat also das Ausschlachten rund um die Information, dass der Co-Pilot mal krank war und sich angeblich in einer Lebenskrise befand, irgendeinen weiterführenden Aufklärungswert?

Sie werden evt. sagen: „Vielleicht“, denn das Thema Depressionen ist ja ein Dauerbrenner.
Erinnern Sie sich noch an den ersten Teil des gefakten Artikels?
Die von mir etwas verniedliche Beschreibung, dass bei einer schweren depressiven Episode die Wiedererkrankungsrate sehr hoch ist, basiert auf einem Kommentar von Buchautor Günther Lachmann, ehemaliger Chefredakteur der Welt-Online (Springer) und Herausgeber des konservativen Internetmagazins GeoLitico.

Und seine Einlassungen und vor allem Anschuldigungen sind kein Fake:

Lachmanns Resümee:
„Was heißt das in letzter Konsequenz? Für den Tod von 149 Menschen und das unermessliche Leid ihrer Angehörigen ist Andreas L. schuldig, aber nicht allein schuldig. Auch seine Ärzte und sein Arbeitgeber, die Lufthansa, müssen für die Katastrophe geradestehen.“ (hwn)

Lachmans Kommentar wurde am 27.03.2015 veröffentlicht, also vor der Pressemitteilung der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft.
Man kann also Ursache und Wirkung gut beobachten. Auf Basis von Spekulationen werden eigene Urteile gefällt: „Ärzte und sein Arbeitgeber tragen eine Mitschuld!“
Das Ganze wird dann auch nicht weniger spekulativer, wenn der Autor sich auf eine Studie des Robert Koch Instituts beruft.
Ein einfaches Googlen hätte ausgereicht, um zu erfahren, dass Fehldiagnosen in der Psychiatrie ein „häufiges Phänomen“ sind. Das sagt z.B der Psychologe Hans-Ulrich Wittchen von der TU Dresden. „Sie dürften deutlich häufiger sein als in anderen Fächern.“

Selbst Psychiater Prof. Holsboer und der Luftfahrtpsychologe sprachen  bei Plasbergs „Hart aber Fair“ die hohen Fehlerquoten an.  *Anm.2
Unterm Strich ist Lachmanns Anklage gegen Ärzte und Lufthansa ein subjektives Schuldempfinden auf Grundlage seines eigenen Wertesystems, seiner eigenen Formeln. Gestützt auf sein Vertrauen gegenüber einem wissenschaftlichen Instituts. *Anm. 3
Das soll kein Vorwurf sein. Nur eine subjektive Beobachtung meinerseits. Sie, liebe Leser-/Innen, mögen eine andere haben. Gut so!

Aber: Objektive Schuld würde die Lufthansa und deren verantwortlichen Arbeitsmedizinischen Dienste nur dann auf sich nehmen, wenn sie wissentlich gegen geltende Vorschriften verstoßen hätten.
Wenn dem so wären, dann würde die Staatsanwaltschaft sicherlich den Vorgang prüfen und ggf. Schritte einleiten. *Anm.4
Auch von moralischer Schuld kann im Prinzip keine Rede sein. Stimmen die Recherchen hatte der Co- Pilot eine gültige Flugerlaubnis mit all den notwendigen medizinischen Tests.
Nach den neuesten Erkenntnissen werden die Schuldzuweisungen gegen das Flugunternehmen jetzt auch von Lachmanns ehemaligen Kollegen von Welt-Online erhoben.
„Was hätte die Lufthansa noch alles wissen müssen?“ fragt Chefreporter Jörg Eigendorf (hwn)

Die momentan mediale Annahme, dass der Flugschüler von damals, der eine „abgeklungene schwere Depression“ hatte, fähig sein könnte, irgendwann mal mit einem Flugzeug einen Selbstmord zu begehen und gleichzeitig 149 Menschen mit in den Tod reißen könnte, hätte damals 2009 doch nicht ernsthaft irgendjemand ahnen können. All das sind sind Spekulationen, Mutmaßungen, Konstruktionen.

Natürlich wird nun ganz sicher mit Pro und Contra eine Diskussion in Gang kommen, die folgende Frage beinhalten wird: Dürfen Menschen mit Depressionen, auch wenn sie geheilt wurden, eine Fluglizenz erwerben? Diskussionen sind ok, wenn das Ergebnis sich nicht auf Mutmaßungen stützt.

Aber es gibt noch ganz andere wildere Spekulationen und Mutmaßungen im Netz.

Beispiele:
+ Honigmann: Die US-Streitkräfte schießen Germanwingsmaschine ab (hwn)
+ Oder doch vielleicht ein techn. Defekt? Alles Schall und Rausch: Die Vertuschung der giftigen Luft im Cockpit – (hwn)
+ Der Autor Daniel Prinz vom Koop Verlag fragte sogar: Kriegsakt gegen Deutschland? (hwn)

In den meisten solcher Artikel kritisieren die Autoren zwar die Mutmaßungen der „Mainstreammedien“, konstruieren dann aber ihre eigenen Spekulationen. *Anm.5 
Dazu eine Kommentar von M. Görmann: (hwn)

Aufhören mi Spekulationen und Anschuldigungen!
„Manchmal ist es die naheliegende Erklärung dass es keine Erklärung gibt… „
Spekulationen und Anschuldigungen bringen gar nichts, außer die Vorurteile der Informationskonsumenten mit Nährstoffen zu füttern. Manche sagen, um abzulenken von anderen wichtigen Diskussionen. Auch das ist eine Mutmaßung. Fakt ist aber: Sie lenken ab.

Die Angehörigen der Opfer suchen zu Recht nach Antworten, nach Verantworlichkeiten. Allein aus Anstand und Respekt sollten wir sie aber nicht mit unseren eigenen Dramen dabei stören. Eine zurückhaltende, auf Fakten basierte Berichterstattung, wäre mehr als angemessen. Gerade für die Opfer!
————————————————————————————-

Anmerkungen und Quellen

*1
Auch das ist natürlich nur ,aus Medienbeobachtersicht“ eine Vermutung.

*2
http://www1.wdr.de/daserste/hartaberfair/videos/videonotfallpsychegefahrauchfuerdiemitmenschenmitgebaerdensprache100.html

*3
mein Kommentar unter Lachmanns Artikel
http://www.geolitico.de/2015/03/27/andreas-l-ist-nicht-alleinschuldig/#comment-139239

*4
Das heißt selbstverständlich nicht, dass man der Lufthansa keine Fragen stellen darf. Allerdings müsste ich erst mal recherchieren, welche Vorschriften und arbeitsmedizinischen Grundlagen für eine Einstellungsvoraussetzung gelten. In der Zwischenzeit ist ja bekannt geworden (nach Lachmanns Kommentar), dass die Verkehrsfliegerschule 2009 Kenntnis über eine sog. „abgeklungene schwere depressive Episode“ hatte. Inwieweit das Unternehmen Lufthansa konkret (Die Verkehrsfliegerschule ist ein Dienstleister für die Lufthansa) informiert wurde, und ob es Gründe für eine Nicht-Beschäftigung gegeben hatte, weiß ich nicht.
Das sollte aber auch nicht Gegenstand dieses Beitrag sein. Vielleicht weiß es ja Herr Lachmann.

*5
Allerdings verpacken die meisten Autoren Mutmaßungen mit spekulatioven Fragen, um die Leserschaft in einer bestimmten Richtung zu lenken.
Viele Betreiber/Innen oder Leser/Innen solcher Seiten werden von außen oft als Esotheriker und Verschwörungstheorethiker bezeichnet. Sie selber nennen sich zu Teil „alternative Medien“ oder „Wahrheitsuchende (Thruther)“

2 Kommentare zu “Medienkonsum und Katastrophenberichterstattung! Wie wir aus Spekulationen eigene Anschuldigungen konstruieren

  1. Der Absturz des Germanwings Airbus

    Aus der Auswertung des Stimmen-Recorders und der Radar-Aufzeichnungen ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit folgender Ablauf:

    Nach Erreichen der Reiseflughöhe hat der Flugkapitän dem Kopiloten das Flugzeug übergeben und die Kabine verlassen. Daraufhin hat der Kopilot die Tür zur Kabine verriegelt und so den Flugkapitän ausgesperrt, er hat den Sinkflug eingeleitet, und nach etwa 6 Minuten ist das Flugzeug auf einem Berg zerschellt, wobei alle 150 Personen, die an Bord waren, getötet worden sind.

    Die psychische Erkrankung des Kopiloten:

    Der Andreas Lubitz hat seine Ausbildung zum Berufspiloten wegen Depressionen und Suizidgefahr unterbrochen, er war also psychisch krank. Monate später hat er die Ausbildung fortgesetzt und erfolgreich abgeschlossen, anscheinend war seine Erkrankung (bipolare Störung) ausgeheilt. Vor dem erweiterten Suizid hatte sich seine Freundin von ihm getrennt. Er hatte diverse Kliniken wegen seiner Erkrankung aufgesucht, wurde krankgeschrieben und hatte Medikamente eingenommen. In seinem Computer fanden sich dazu passende Hinweise, was er später getan hatte.

    Konsequenzen:

    Die Auswirkungen werden weitreichend sein. Nachdem die Depressionen einschließlich Selbstmordgefahr eine weit verbreitete psychische Störung sind, werden alle Piloten in dieser Hinsicht überprüft. Ein Teil der Piloten wird aus diesem gut bezahlten Beruf ausscheiden müssen. Es werden die Vorkehrungen zum Abschließen der Kabinentür geändert werden, sodass der Pilot auf jeden Fall in die Kabine eintreten kann. Wenn ein Pilot die Kabine verlässt, muss eine weitere Person den freien Platz in der Kabine einnehmen; das muss auch ein Pilot sein, sonst ergibt das nicht viel Sinn. Daraus folgt, dass 3 Piloten im Flugzeug eingesetzt werden müssen.

    Anmerkung: Die psychologische Überprüfung ist problematisch, weil es auf die Beantwortung von Fragen und die Auswertung von Fragebögen hinausläuft. Wer als Pilot seinen Beruf beibehalten will, wird die Antworten so wählen, dass daraus keine psychische Störung und keine Suizidgefahr abgeleitet werden können. Also kommt es auf die Ehrlichkeit des Piloten an.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>