gekippte Tarifeinheit -Zwischen Euphorie und Skepsis

 „Viele kleine Gewerkschaften werden es nun richten.“
Das höre ich fast täglich Ruhr rein, Rhein raus. Nachdem das BAG im Juni die Tarifeinheit gekippt hatte, ist nun bei vielen eine Art Euphorie ausgebrochen. Ich bin da nicht ganz so euphorisch, eher skeptisch. Eine expansive Lohnpolitik kommt nicht aus heiterem Himmel. Egal ob durch viele Einzelgewerkschaften, viele Spartengewerkschaften oder durch  einen anderes aufgestellten DGB. Das muss so oder so erstritten werden und die Menschen müssen ihrer ängstlichen Lauerstellung aufgeben. Und es geht nur mit Solidarität. Menschen, die nur noch für ihre eigenen Interessen kämpfen werden unterm Strich keinen Beitrag für eine bessere Verteilungspolitik leisten. Ich teile deshalb die Bewertung, dass von unten Druck auf die standortorientierten Tarifpolitiker/Innen (meist Betriebsratsfürsten von marktdominierenden Unternehmen) gemacht werden muss. Ich bin aber doch eher skeptisch, ob das mit vielen für sich werkelnden Einzelgewerkschaften möglich ist. Punktuell sicher ja.
Aber werden die Arbeitnehmer/Innen gesamtwirtschaftlich deshalb den Kapitaleignern mehr Verteilungsmasse abknöpfen können?

meinen ausführlicher Kommentar (hier leicht verändert) zum Beitrag von Isi´s Welt: Titel: Tarifeinheit Blog2Bloggekippt“ 

Also gegen kämpferische kleine Gewerkschaften ist nichts gegen einzuwenden. Ist sogar begrüßenswert.
Allerdings erinnere ich mal kurz, dass gerade die kleinen christlichen Gewerkschaften auf Grund des Spezialitätsprinzip Flächentarifverträge durch gefällige Haustarifverträge aushebeln.
Die anderen Spartengewerkschaften ála Cocpit kämpfen für sich auf hohem Niveau.(60TDT bis 120TDT Euro Jahresgehalt für Flugkapitäne) Denen ist es egal was der Kofferträger verdient. Anstatt Solidarität zu üben, nutzen sie ihrer Vorteile und ihr Marktposition im Betrieb,- auf Kosten der unteren Einkommensgruppen!
Einzelgewerkschaften werden nur Erfolg haben, wenn sie am Schalthebel der Produktion sitzen und dadurch die Kapitaleigner mit minimalistischen Aufwand einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden zufügen können. Denn nur dann lassen sich die Arbeitgeber bewegen Tarifverträge zu unterschreiben, die aus ihrer Sicht sehr sehr schmerzhaft sind. Und bei solchen Gewerkschaften reicht manchmal nur die Androhung eines Arbeitskampfes.
Wenn bei der Lufthansa Dienstleister/Innen , die nicht an der Kundenfront sitzen, alleine streiken, würden das die Kapitaleigner allerdings aussitzen. Diese Menschen sind auf die Solidarität der anderen Kolleginnen und Kollegen angewiesen. Spartengewerkschaften sind eine neoliberale Erscheinung. Die denken m.E in erster Linie nur an sich! Die Flucht in Einzelgewerkschaften kann evtl. kurzfristig eine Lösung sein. (z.B immer dann wenn die Gemeinschaft spezielle Interessen (Arbeitsbedingungen, Restrukturierungsopfer) etc., wie bei den Lokführern übersieht …) Ob dadurch aber gesamtwirtschaftlich mehr Verteilungsspielräume für alle genutzt werden können ist eine ganz andere Frage!
Was wir m.E brauchen sind Menschen, die in die Gewerkschaften strömen, Mitglied werden, aktiv werden und Druck auf die „standortorientierten“ Tarifpolitiker/Innen in den Tarifkommissionen machen, damit endlich wieder eine expansive Lohnpolitik vorangetrieben werden kann. Ich finde aber auch. Konkurrenz müssen die DGB Gewerkschaften ertragen, gerade dann wenn die Konkurrenz, stark ist. Da kann es nicht sein, sich schmollend in die Ecke zu stellen. Vielmehr müssen die Chancen ausgelotet werden, die hier schlummern.
Lohndrückervereine des CGB sind allerdings nur sehr sehr schwer zu ertragen.

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Auch meinen Lexikaeintrag über die Spartengewerkschaften habe ich wegen des BAG-Urteiles zur Tarifeinheit angepasst.

8 Kommentare zu “gekippte Tarifeinheit -Zwischen Euphorie und Skepsis

    1. Unterm Strich sehe ich diese Gefahr auch. Zumindest dann wenn es kleine schwächere Gewerkschaften sind.
      Im Falle Bahn (GDL, Transnet und BDA) oder in den Krankenhäusern (verdi und Marburger Bund) bzw bei der Lufthansa (cokpit,verdi,UFO) gefällt das den Arbeitgebern nicht so sehr, weil sie, aus ihrer Sicht, keine klare Strategie entwickeln können und in der Tat befürchten zu viel Verteilungsmasse abgeben zu müssen.(denn sonst wäre ihnen das egal) Diese Gewerkschaften sind alle mächtig genug, den Arbeitgeber durch Streikaktionen wirtschaftlich zu schädigen.
      Gerade deshalb liegt da die Chance mehr Verteilungsspielräume zu nutzen. Allerdings müssen dann die konkurrierenden Gewerkschaften ihr Kriegsbeil begraben, um strategische Kooperationslinien auszuloten.

  1. Hallo,

    ich habe deinen Kommentar in meinem Blog unkommentiert gelassen, weil ich mit einem Konzept aufwarten wollte, anstatt leere Versprechungen zu machen. Hier aber meine Gedanken dazu: Ich sehe die kleinen Gewerkschaften (die kämpferischen) als Stachel im Fleisch der Großen. Ver.di zum Beispiel scheint interessiert, sich zumindest in gewissen Bereichen radikaler auszurichten und inoffiziell Kooperation zuzulassen. Bei den anderen geht weniger. Wichtig für die kleinen, kämpferischen Gewerkschaften wie die FAU zum Beispiel wird sein, klarzustellen, dass die Unkenrufe von Lohndrückerei nur Unkenrufe sind, weil es nämlich auch anders geht. Es geht jetzt darum, die defensive Politik der Monopolgewerkschaften zu brechen und den willigen Wind in die Segel zu pusten. Die Möglichkeiten zu schätzen wir den DGB-Gewerkschaften schwer fallen, den Spartengewerkschaften weniger. Schlußendlich heißt das aber für uns, egal wie die anderen sich stellen, dass wir uns einsetzen können und wie jeder weiß, belebt die Konkurrenz das Geschäft. Gewerkschaften waren ja bisher, dank Tarifeinheit und Friedenspflicht, konkurrenzlos glücklich. Diese Zeiten sind nun endgültig vorbei. Abzuwarten bleibt aber, ob die geplanten Bemühungen einer „Ausweitung der Friedenspflicht“ fruchten oder erst weggeklagt werdne müssen.

    Lesenwert zu diesem Thema ist das: https://medien-kunst-industrie-bb.verdi.de/aktuelles/hensche-zum-thema-tarifarbeit/data/Download-des-Beitrags.pdf

      1. Hi,
        danke für den Hinweis.
        Die Konkurrenz, die du beschreibst kann in der Tat fruchtbaren Boden schaffen, auf dem Verteilungspolitisch geerntet werden könnte. Dieses Diskussion lohnt sich zu stellen. Ja in Verdi wird da offen diskutiert und diese Diskussion wird sogar in verdi-publik dargestellt.
        Die Politik der Mitgliederarmen Spartengewerkschaften vom Christlichen Gewerkschaftsbund, die Gefälligkeitstarifverträge unterschreiben, lassen leider viele Bemühungen ins Leere laufen. (siehe z.B Zeitarbeitsbranche und private Busverkehre). Ebenso gilt es aufzupassen, dass die Kapitaleigner nicht anfangen (wie beiden privaten Postdienste)der Reihe nach ihre eigenen Gewerkschaften zu gründen.
        Diese Herausforderung müssen sich sogar die Spartengewerkschaften ala GDL stellen. Im Busbereich (in einigen Bundesländern wollten sie es ja verdi mal so richtig zeigen) haben sie die o.g Realität (CGb) bereits erkannt.

    1. Der Text von Detlef ist gut und da finde ich mich im Kern auch wieder. Richtig finde ich auch, dass die Diskussion innerhalb der konkurrierenden Gewerkschaften stattfinden sollte. Ich halte auch den DGB Vorstoß mit dem BDA für strategisch nicht gerade sinnvoll.

      1. Für uns stellt sich die Aufgabe der trennscharfen Differenzierung ebenso: Es gilt nicht, alle (anderen) Gewerkschaften zu verdammen, sondern nur bestimmte und aus bestimmten Gründen. So wie auch diese anderen Gewerkschaften verstehen müssen, dass bestimmte Sachen hilfreich sind und andere nicht.

        Auf jeden Fall sind die Bedinungen derzeit günstiger als noch zuvor. Ich denke, vorallem die FAU wird das zu nutzen wissen. Um einen eigenen Anteil bemühe ich mich. Erstmal geht es mir darum, die geänderte Situation zu vermitteln. Es ist ja schon erstaunlich, das vorherige Hemmnisse plötzlich weg sind.

        1. Wenn durch die neue Situation sich Menschen motiviert fühlen, mitzumachen, einzutreten und so wie du leidenschaftlich für ihre Positionen werben, dann könnten alle davon profitieren. Ja.

          Ich werde die Entwicklungen gespannt beobachten. Vor allem bin ich gespannt, welche Gesetzesinitiativen möglicherweise in den Bundestag gelangen werden und welcher veränderte Rechtsrahmen dadurch entstehen könnte.

          Wir bleiben am Ball!

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